Historisches

Am Anfang stand wie immer die Partei,
genauer der V. Parteitag der SED im Jahre 1958. Dort hat man eine grandiose Feststellung getroffen. Das Volk braucht Kultur, eine neue Kultur, eine sozialistische Nationalkultur, um die düstere Vergangenheit auszulöschen und neue kulturelle Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen.

1958

Der Befehl war da, nun mußten nur noch ein paar Leute gefunden werden, die den lächerlichen Rest erledigten. Aber wie soll man ohne Instrumente, ohne Noten und ohne musikalische Ausbildung Musik machen? Mit diesem Problem hat sich unser alter Musikfreund Wilfried Greiner beschäftigt. Er war einer von drei erfahrenen Musikern, die sich couragiert daran machten, diese Kapelle zu gründen und damit eine leidige mehrjährige Pause in diesem Metier zu beenden, denn musiziert wurde im Lichtethal seit nunmehr 150 Jahren. Der Grundstein für den Musikverein "Lichtethal" wurde am 06.11.1958 gelegt. Durch eine Werbekampagne fand man vierzehn Interessenten, die ein Blasmusikinstrument erlernen wollten und die sich in der Gaststätte "Ascherbach" zusammenfanden. Die musiktheoretische Ausbildung, also das kleine 1 x 1 wurde durch den erfahrenen Lehrer Josef Leitner durchgeführt. Er war als Junglehrer in Neuhaus tätig und scheute die Strapazen und Doppelbelastungen nicht. Nach acht Wochen wurden erste Instrumente ausgegeben, aber es waren zumeist sehr alte, die den Ansprüchen nicht mehr genügten und auch nicht ausreichten. Über staatliche Stellen und private Bemühungen konnten neue Instrumente in Klingenthal und Markneukirchen geordert werden. Trotz der guten Entwicklung kam das erste Problem. Von 14 Musikanten blieben ganze vier übrig. Und man schaffte es ein zweites Mal. Diesmal mit 16 Mitgliedern.
 

1960
Zur Hochzeit unseres leider zu früh verstorbenen Musikfreundes Hans Bischoff wurde das erste Ständchen, zum Waldfest im Oktober 1959 in Lichte der erste öffentliche Auftritt durchgeführt. Schnell wurde auch der erste Patenschaftsvertrag (also ein Hauptsponsor) am 22.07.1959 mit der LPG "Lichtethal" unterzeichnet. 1960 nahm der Verein an den Lauschaer Festwochen teil und konnte den erfahrenen Dirigenten Paul Heinz, alias Williams Paul aus Ernstthal gewinnen. Mit ihm, sowie der weiteren musiktheoretischen Ausbildung durch erfahrene Musiker konnte die Qualität der Musik wesentlich verbessert werden, so daß bei der Einstufung anläßlich eines Musikfestes in Goldisthal im Jahre 1968 das Prädikat "Mittelstufe sehr gut" errungen werden konnte.


1965 wurde das erste Statut des Vereins verabschiedet. Darin hieß es unter anderem:
 
§ 1 Die Probe beginnt pünktlich zu den festgesetzten Zeiten. Vereinsmitglieder, die ohne dringenden Grund später als 10 Minuten nach Probenbeginn erscheinen, zahlen eine Mark in die Kasse. ....
§ 3 Betritt der Dirigent das Notenpult, hat unbedingt Ruhe zu herrschen. Auslassen von Wasser aus dem Instrument hat vorher zu erfolgen. Das Einzelblasen ist sofort zu unterlassen. Jede Störung, die den Ablauf der Probe beeinträchtigt, hat zu unterbleiben. Wer gegen die Bestimmung verstößt, wird mit zwei Mark bestraft.
§ 4 Spielstücke werden nach der Probe von den Vorstandsmitgliedern und dem Dirigenten gemeinsam für die nächste Probe festgelegt.

Es war halt wie im Märchen und die Probleme sind bis heute nicht gelöst.

Anfang der 70er Jahre kamen wieder massive Probleme auf den Verein zu. Zum Einen war der Dirigent Paul Heinz in die Jahre gekommen und konnte keine neuen Impulse mehr geben. Zum anderen wurden überdurchschnittlich viele Musikfreunde zur NVA delegiert, so daß die Mitgliederzahl elend schrumpfte. Rein zufällig ging es dem Jugendblasorchester Neuhaus genauso, Dieses mußte sich sogar auflösen und so kam es, daß dem Verein in Lichte neue Mitglieder beschieden wurden. Auch ein neuer Dirigent, Herr Gerhard Büchse aus Schmiedefeld, wurde gefunden. Das Glück war aber nur von kurzer Dauer und notgedrungen mußte Herr Paul Heinz nochmals ran. Die Quittung folgte auf dem Fuße, denn beim Bezirksblasmusiktreffen 1974 in Schmalkalden fiel der Verein aus der Wertung. Das war wohl einer der schwärzesten Tage im Vereinsleben.

Ein neuer Dirigent mußte her und kam 1975 in der Person von Herbert Bernhardt aus Gräfenthal. Er brachte auch gleich noch etliche Musiker aus dieser Region mit. Mit fast dreißig Mitgliedern hatte der Verein eine Stärke erreicht, von der wir heute einfach träumen. Die musikalische Qualität und der Umfang des Repertoires konnte durch Herrn Bernhardt wesentlich gesteigert werden. Die Auszeichnung als "Hervorragendes Volkskunstkollektiv" sowie die Einstufung "Oberstufe sehr gut" zeugen davon. In dieser Zeit wurde das Blasorchester Lichte auch ein fester Bestandteil der kulturellen Szene in dieser Region. Die Auftritte reichten von Urlauberbetreuung über Kirchweih, Betriebs- und Rentnerfeiern, Jubiläen bis hin zu politischen Ereignissen. Highlights waren zu dieser Zeit schon Ständchen zu Kirmesen und die obligatorische Himmelfahrt.

1970

An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, daß die Unterstützung der ortsansässigen Betriebe sehr groß war. Für alle Auftritte außerhalb von Lichte wurden Busse zur Verfügung gestellt. Auf Grund der sehr guten Leistungen wurde das Blasorchester 1978 zu den Arbeiterfestspielen delegiert. Egal wie man heute darüber denkt, es war eine große Auszeichnung. Aus dieser Zeit stammt übrigens die erste Tracht, schwarze Kniebundhosen und grüne Westen. In diesem Jahr wurde das Orchester mit dem Titel "Ausgezeichnetes Volkskunstkollektiv der DDR" - die höchste Auszeichnung für Laienorchester geehrt. Wer jetzt geglaubt hat, daß sich das Orchester auf seinen Lorbeeren ausruhte, der irrt.

Man suchte nach neuen Wegen, sowohl das Repertoire als auch die Ausdruckskraft der Musik zu verbessern. Von staatlicher Seite wurde dem Verein viel Unterstützung zu Teil. Auch wenn an vielen Stellen die Mangelwirtschaft immer offensichtlicher wurde, klappte die Versorgung mit Noten, Instrumenten sowie die Abwicklung der Reparaturen - immer noch in Markneukirchen - sehr gut. Auch die örtlichen Betriebe, Porzellanwerke, VdgB, Kleinpuppen und Dekofrüchte taten ihr Möglichstes.

In dieser Zeit wurde Herr Dieter Halle auch zu einem Orchesterleiterlehrgang delegiert, denn es war abzusehen, das Herr Bernhardt mit seinen Musikanten aus Gräfenthal ein eigenes Orchester aufbauen würde. Der Aderlaß war groß, aber mit etwas kleinerer Besetzung konnte der Verein sich weiter stabilisieren. In dieser Zeit wurde auch die erste Verstärkeranlage angeschafft, um durch den Gesang das Repertoire zu bereichern. Ende 1982 kam eine Sängerin - unsere Christa Witzmann - in den Verein. Sie war und ist immer noch die einzige weibliche Musikerin, welche den Weg in den Verein gefunden hat.

Durch die Einsatzfreude und den jugendlichen Elan des neuen künstlerischen Leiters bekam die Blasmusik eine frischere Note und die Zahl der Auftritte stieg weiter an. Im Jahresspielplan dieser Zeit standen ca. 70 Auftritte pro Jahr zu Buche. Es waren hauptsächlich Urlauberkonzerte im Kreisgebiet, Kirmesen, Blasmusikfeste. Fest im Plan stand immer der 1. Mai. Drei bis vier mal Marschmusik und meist noch ein Konzert als Ausklang, sowie die Verabschiedung tausender Läufer zum Guths-Muths-Rennsteiglauf in Neuhaus.

1983 wurde auch die erste partnerschaftliche Beziehung zu einem anderen Orchester geschlossen. Es handelte sich hierbei um das ORWO-Blasorchester der Filmstadt Wolfen. Dessen Leiter, Walter Haarbuch alias Moppel und Dieter lernten sich beim Dirigentenlehrgang kennen. Und so kam es zu zwei Fahrten nach Wolfen. Gute Konzerte, Musik auf primitiven Instrumenten im Packwagen von Wolfen nach Halle sowie ein grandioser, nicht geplanter Auftritt in der Bahnhofshalle in Halle werden ewig in Erinnerung bleiben.

1984 wurde 25jähriges gefeiert - eigentlich ein Jahr zu spät. Mit dabei war natürlich unser Partnerorchester aus Wolfen. Neben großen Lobeshymnen aus Politik und Wirtschaft konnten fünf Mitglieder für 25jährige Zugehörigkeit ausgezeichnet werden. Es sollte auch besonders gewürdigt werden, daß Wilfried Greiner als erster Vorstand den Verein die gesamte Zeit vorwärts trieb. 1988 bat Wilfried den Verein auf Grund gesundheitlicher Probleme diese verantwortungsvolle Position abzugeben.

Die Entwicklung des Blasorchesters im zweiten Teil der 80er Jahre stand im Gegensatz zur Entwicklung der DDR. Mit dem Staat ging es langsam aber beständig bergab, die Blasmusik erfreute sich immer größeren Zuspruchs. Uns ist damals das große Privileg zu Teil geworden, viele Auftritte im Grenzgebiet zu absolvieren. Von Blankenstein über Probstzella und Neuhaus-Schierschnitz bis Gerstungen waren wir bekannt. Große Auftritte erlebten wir in der Stadthalle Suhl beim Ball der Kampfgruppenkommandeure, Und als bei den "alten Kameraden" die teuren Genossen auf den Tischen tanzten, wußten wir, wir lagen richtig. Auch zum Bauernkongreß im Suhler Ringberghaus konnten wir unser Können beweisen.

Für solche Höhepunkte gab es immer Freistellungen von der Arbeit, was natürlich zusätzlich motivierte. Selbst bei Kranzniederlegungen bei - 10 ° Celsius gaben wir unser Bestes auch wenn es nur fünfzig Meter gut ging, bis Posaune, Tuba und Horn eingefroren waren. Einmal nutzten wir am 8. Mai - Tag der Befreiung - die Gelegenheit, Kranzniederlegung und Himmelfahrtstour miteinander zu verbinden.

1987

Aber es lief nicht alles glatt in unserem Verein. Als bei einem Urlauberkonzert in Meuselbach von Ernst Mosch "Egerland Heimatland" intoniert wurde, mußten Dieter Halle und ich im Kreiskulturkabinett auf den roten Teppich, wegen der Darbietung revanchistischen Liedgutes antreten. Reumütig wie wir waren, änderten wir unsere Einstellung nicht. Auch die Spitzen und burschikosen Moderationen änderten sich nicht. Bei einem großem Auftritt in Leipzig hatten wir doch vor lauter Vorfreude den Notenkoffer in Lichte vergessen. Was aber so ein richtiges Kirmes- und Himmelfahrtsorchester ist, läßt sich dadurch nicht aus der Bahn werfen, wir spielten einfach aus dem Kopf.

1988 wurde uns die Ehre zuteil, unseren Kreis bei der 750-Jahrfeier unserer alten und neuen Hauptstadt Berlin zu präsentieren. In diese Zeit fiel auch unser 30jähriges Vereinsjubiläum. Ich kann mich noch sehr gut an den ersten Musikantenstadl im ehrwürdigen Kulturhaus zu Wallendorf erinnern. Damals lautete das Motto "Musikanten laden ein". Wir mußten die Veranstaltung zweimal durchführen, da das Interesse so groß war.

1989 - das Jahr der Wende - brachte auch eine Wende im Vereinsleben und vielleicht war der erste Auftritt jenseits des eisernen Zaunes auch symptomatisch für diesen Verein. Es war der 24.11.1989, wir wollten in der Festhalle Tettau an einem Nachmittag zur Wiedervereinigung und zur Eröffnung der Grenze in Spechtsbrunn teilnehmen. Eine mehrstündige Odyssee begann, weil es keinen Grenzübergang im Umkreis von fünfzig Kilometern gab, den wir mit unserem Bus hätten passieren können. Und trotzdem haben wir es geschafft und hatten einen überwältigenden Erfolg. Schnell mußten wir lernen, daß es wirklich eine Wende war. Wir mußten uns auf eigene Füße stellen. Vieles wurde anders, die Zahl der Auftritte sank rapide, und wie sagt man so schön, wir mußten uns durchboxen. Geholfen hat uns dabei eine kurze, aber intensive Beziehung zum Musikverein Lauenstein. Der James-Last-Sound stammt aus dieser Zeit. Im Frühjahr 1991 verewigten wir uns zum ersten Mal auf einem Tonträger - musikalische Grüße aus Franken und Thüringen - hieß er. Es ging damals ins Tonstudio nach Rehau. Schnell mal hingefahren, geblasen, fertig. Weit gefehlt! Stundenlang sollte die Prozedur dauern, bis dann alles unter Dach und Fach - sprich auf Band - war.

Im Jahr 1991 unternahmen wir auch unseren zweiten großen Trip ins tiefste Bayern, nach Landshut. Zum König-Ludwig-Treffen waren wir eingeladen. Eines der prunkvollsten und rauschendsten Feste sollte es werden, leider kam es ganz anders. Auch der Bürgermeister von Neuhaus, Herr Lauche, kann ein Lied davon singen. Nach prunkvollem Empfang beim Oberbürgermeister von Landshut machte uns der Schriftsteller Lohmeier schnell begreiflich, daß der wahre Mann von Welt königstreuer Bayer ist. Alles andere seien Russen und Menschen zweiter Klasse. Das haben wir uns natürlich nicht bieten lassen und fuhren vorzeitig nach Hause.

Dafür wird uns unsere Pfingsttour 1992 als besonderer Höhepunkt in Erinnerung bleiben. Herr Willi Borgolte lud uns nach Stahle zu einem Musikfest unter dem Motto "Die Weser von der Quelle bis zur Mündung" ein. Ein rundherum gelungenes Fest ließ uns neue Freunde finden. Zu diesem Zeitpunkt wußte noch niemand, daß diese Freundschaft bis zum heutigen Tag anhalten würde - es ist hier die Rede von den Mannen vom Seemannschor Bremerhaven.

In dieser Zeit spielten wir oft zu Richtfesten und Eröffnungen von Geschäftshäusern. Einige davon gibt es schon nicht mehr, wie zum Beispiel das Hotel "Zum Mohren" in Scheibe-Alsbach. Andere haben sich gemausert; wie der Musikverein. Sei es daß Optikerfachgeschäft Halle, die neue Feuerwache in Neuhaus oder das Schaubergwerk Morassina in Schmiedefeld, daß wir zu Pfingsten 1993 einweihten.

1990

1993 ging es zum Tag der Deutschen Einheit mit dem Bürgermeister Herrn Lauche in die Partnerstadt von Neuhaus nach Dietzenbach. Kurz danach am 09.04.1994 hatten wir unser erstes Treffen mit dem Seemannschor in der Gaststätte "Wiesengrund" in Neuhaus. Es war der Anfang einer sehr guten Freundschaft. Seither waren wir schon mehrmals an der Nordseeküste und die Seemannskameraden besuchten uns 1996 und 1998.

Im Frühjahr 1996 war es dann auch mit dem ersten eigenen Tonträger soweit. Es waren harte Wochenenden im Tonstudio in Ilmenau. Auch die finanzielle Belastung für den Verein war nicht ohne. Nur durch die tatkräftige Unterstützung einiger ortsansässiger Firmen wurde diese Unternehmung ein Erfolg.

So können wir heute sagen, nach dem ewigem Auf und Ab nach der Wende hat sich der Musikverein gefestigt und ist aus der kulturellen Szene der Region nicht mehr wegzudenken. Vierzig Jahre Blasmusik - leider ist keines der Gründungsmitglieder mehr aktiv im Verein tätig. Aber natürlich pflegen wir weiterhin mit ihnen einen guten Kontakt. Aus diesem Grund haben wir 1996 einen Veteranenabend ins Leben gerufen, der bisher immer im Vereinslokal im Gasthaus "Ascherbach" abgehalten wurde und regen Zuspruch erfuhr. Leider mußten wir unser Probelokal - unsere zweite Heimat - im Mai letzten Jahres aufgeben. Der Grund hierfür liegt im Tod der Vereinswirtin, unserer treuen Seele des Vereins, welche 39 1/2 Jahre den Verein zusammengehalten hat und in guten und schlechten Zeiten immer eine gute Gastgeberin war.
Es mußte also schnell etwas Neues gefunden werden. Vorübergehend kamen wir ind der Bergterasse in Lichte-Geiersthal unter, bis wir dann unser neues Probelokal im Hotel "Am Rennsteig" in Neuhaus-Schmalenbuche fanden.

Im September 1998 fand dann die Festveranstaltung zum vierzigjährigen Bestehens des Vereins statt. Dazu hatten wir Repräsentanten, Freunde, ausgeschiedene Musikkollegen und Sponsoren eingeladen, um mit uns zu feiern. An diesem Kirmeswochenende führten wir noch einen Musikantenstadel mit befreundeten Musikgruppen und einen Frühschoppen zusammen mit unseren Freunden, der Big Band Bremerhaven durch. Ein rauschendes Fest, welches uns allen lange in Erinnerung bleiben wird.

1998

 

Quelle: A. Wimmer; Festrede "40 Jahre Blasmusik Lichte"